Beispiel: Identität – Spiritualität – Gespräch

Die im Seminar Identität – Spiritualität –  Gespräch über einen langen Zeitraum gewonnenen Einsichten werden in modifizierten und ausgewählten Formen in aktuellen Seminaren, korrespondierend mit dem jeweiligen Themenschwerpunkt zur Geltung gebracht.
 
Was zeichnete dieses Seminar aus?
Seminarankündigung

Religionslehrkräfte sollen in der Lage sein, Schüler/innen bei Prozessen der Sinn- und Identitätsfindung zu begleiten. Damit dies gelingen kann, sind Kompetenzen im Bereich der Selbst- und Fremdwahrnehmung, des Umgangs mit Konfliktlagen sowie der Gesprächsführung auszubilden. Wir beschäftigen uns mit Identitätstheorien, Formen der Gesprächsführung und Spiritualität. Theorieelemente werden erarbeitet und mit praktischen Übungen verschränkt. Selbsterfahrung- und Reflexionseinheiten wechseln ab.
 
Rückblick:
Das Seminar „Identität-Spiritualität-Gespräch“ wurde 18 x durchgeführt (davon 9 x unter dem Titel „Seelsorge für ReligionspädagogInnen“ bzw. „Seelsorge im Kontext Schule“). Jedes Seminar hatte einen Umfang von 27 Zeitstunden und fand in 6 Blöcken von jeweils 4 ½ Stunden statt. Darin eine Pause von einer halben Stunde, sodass die reine Arbeitszeit 24 Stunden betrug. Seit dem Sommersemester 2014 wird das Seminar in der dargestellten Form nicht mehr angeboten.
 

Zum Seminar und seinen Themenfeldern
Es handelte sich um eine auf schulische Herausforderungen zugeschnittene Lehrveranstaltung im Spannungsfeld der Thematik Identität-Spiritualität-Gespräch, die nicht auf speziell ausgebildete Experten zielte, sondern eine Grundqualifikation der Religionslehrkräfte überhaupt intendierte. Durchgängig wurden theoretisch akzentuierte Einheiten mit erfahrungs- und biographiebezogenen Reflexionen sowie praktischen Gesprächsübungen verschränkt. Hermeneutik biblischer Texte und Motive sowie zentraler theologische Topoi (wie Gottesebenbildlichkeit, Gott, Jesus Christus, Geist, Sünde) erfolgte im spannungsvollen Dialog mit Identitätstheorien/Menschenbildern sowie im Wahrnehmungshorizont von Spiritualität und Ressourcenbildung.
Diese Lehrveranstaltung nahm zahlreiche Themen und Problemstellungen, die im Studium der Ev. Religion angeeignet werden (sollten) auf und reflektiert deren Bedeutung vor dem Hintergrund schulischer Herausforderungen, wobei sich der Reflexionsrahmen über den schulischen Kontext hinaus entwickelte.
Im ersten Teil lag der Akzent zum einen auf dem wissenschaftlichen Diskurs, zum anderen auf den erfahrungs- und biographiebezogenen Einheiten. Beide wurden kontinuierlich spannungsvoll aufeinander bezogen, sodass theologische, sozialpsychologische und religionspädagogische Ansätze vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen reflektiert wurden. Und umgekehrt: Eigene Erfahrungswelten konnten vor dem Hintergrund der Theorie neu verstanden werden. Exemplarische biblische Texte wurden im Dialog mit den neu gewonnenen Einsichten hermeneutisch erschlossen. Nicht nur hier, aber hier besonders wurde für die Studierenden die didaktische Dimension der Lehrveranstaltung deutlich. Bibelhermeneutik ist integrativer Bestandteil.
Im zweiten Teil fanden Gesprächsübungen in Kleingruppen statt, die von der Leitung bzw. Coleitung begleitet wurden. Die für die Gesprächsübungen angebotenen Themen imaginierten Situationen in der Begegnung mit Kollegen und Kolleginnen, Schülern und Schülerinnen, Eltern, Schulleitung. Es ging in der Regel um Grenzsituationen menschlichen Lebens wie (unvermutete) Schwangerschaft, Scheidung, Übergriffigkeit, Ausgrenzung, Sterben, Tod.
Grenze ist ein exemplarisches Thema für die Herausforderungen, die sich in (religions)pädagogischen Arbeitskontexten stellen. Umgang mit Grenzen, eigenen und fremden, ist ein zentrales Thema an der Schule nicht nur im Umgang mit existenziellen Grenzsituationen und akuten Konflikten, sondern auch hinsichtlich Arbeitsvolumen, Engagement, Trennung von Arbeit und Freizeit, Nähe und Distanz zu SchülerInnen, KollegInnen, Eltern, der Schulleitung erforderlich.
 
Zur Leitungsstruktur
Die Lehrveranstaltung hatte eine klare Struktur, auch Leitungsstruktur. Sie wurde von einer studentischen Coleitungsgruppe begleitet. Diese bestand aus Studierenden, die bereits die Lehrveranstaltung besucht und nicht nur hohe Gesprächskompetenz, sondern auch einen besonders differenzierten Zugang zu den behandelten Inhalten entwickelt hatten. Sie wurden sukzessive an die Coleitungsaufgaben herangeführt durch Begleitung der anderen und Teilnahme an den Auswertungsgesprächen im Anschluss an die jeweiligen Seminarsitzungen.
In gesonderte Treffen der Coleitungsgruppe erfolgte vertiefende Auseinandersetzung mit ausgewählten Themen (bspw. sexuelle Übergriffe, Grenzen, Spiritualität), bei Bedarf wurden Gesprächsübungen durchgeführt. Wechselseitige Begleitung bei der Leitung von Gesprächsgruppen im Seminar bot zudem wiederholt die Möglichkeit zu wechselseitigen Feedbacks hinsichtlich Leitungsstil.
Die multiple Leitungsgruppe war von hoher Bedeutung, weil auf Problemlagen und Konflikte variabel eingegangen und reagiert werden konnte.
Hochschuldidaktisch ermöglichte die Einbindung von Studierenden in die Leitung der Lehrveranstaltung eine kontinuierliche Begleitung der Kleingruppen in der zweiten Hälfte der Seminarsitzungen sowie den Abbau von Hemmungen und Aufbau von Fehlerfreundlichkeit und Offenheit durch die flache Hierarchie. Rollenkompetenz wurde entwickelt, da die flache Hierarchie dazu herausforderte, nicht Grenzen im Blick auf die Rollen zu verwischen.
 
Zur Gesprächshaltung in den Gruppen und im Seminar
Für die Gespräche wurde eine personzentrierte Haltung eingeübt. Wenngleich von ihm angeregt, wurde nicht der gesamte Theoriekomplex von Rogers übernommen, sondern der Akzent auf die von ihm beschriebenen Haltung gelegt und damit andere Theorieelemente verbunden. Die personzentrierte Gesprächshaltung ist keine im engeren Sinne therapeutische, sondern eine auch für zwischenmenschliche Gespräche überhaupt wünschenswerte, die auch in Unterrichtsgesprächen (nicht nur bei) sensiblen Themen förderlich sein kann. Sie zeichnet sich durch Wahrnehmungsfähigkeit und Achtsamkeit auf. Und zwar nicht nur im Blick auf den Gesprächspartner, sondern auch im Blick auf die eigene Person. Sie bietet im Gespräch Raum für Erkundungsgänge und Suchbewegungen. Dem Gesprächspartner wird mit Wertschätzung und selektiver Authentizität begegnet. Nondirektivität achtet dessen Eigen-Sinn und verhilft ihm, im Gespräch den für ihn stimmigen Weg zu finden. Übergriffigkeit, auch vermeintlich gut gemeinte, wird vermieden.
Die Lehrveranstaltung intendierte nicht, Rezepte zu geben. Sie wollte vielmehr  Fragen anregen, Ambivalenzen aufzeigen, zu Erprobungen ermutigen.
Das Ziel der Lehrveranstaltung verdichtete sich in der Entwicklung von Dialogfähigkeit. Intrapersonale Dialogfähigkeit, d.h. die Fähigkeit unterschiedliche Anteile in ein Gespräch zu bringen, wurde ergänzt durch interpersonale Dialogfähigkeit, d.h. die Fähigkeit mit anderen Menschen in Dialog treten zu können. Zugleich ging es um die Kompetenz, Einsichten aus dem Diskurs und das biblisch-christliche Symbolsystem untereinander sowie mit den unterschiedlichen Lebenswelten ins Gespräch zubringen.
 
Die Feedback-Runden sowie die Evaluation zeigten, dass in dieser doch recht kurzen Zeit ein sehr dichtes und vielschichtiges Arbeitsergebnis erreicht werden konnte und die TeilnehmerInnen in den meisten Fällen für sich selbst überraschende Lernfortschritte im Blick die Entwicklung von Wahrnehmungs- und Deutungs- sowie Gesprächskompetenz konstatierten.