BlickArtisten und BlickArtistik

Der Name

Der Name kam erst später. Und seine Erfindung war, wie BlickArtistik überhaupt, ein Gemeinschaftsprozess und -produkt. BlickArtistik ist facettenreich. Es gibt viele Gestalten, Gebrauchs- und Handlungsmöglichkeiten. BlickArtistik entwickelt sich im Prozess und gewinnt ihre Erscheinung je anders und neu.
BlickArtistik ist BlickARTISTIK. Das war erst strittig. Man denkt an Zirkus, wenn man Artistik hört. Man denkt an Artisten zwischen Hochseil und Manege. Will man das? Natürlich will man das nicht, zumal es sich um einen didaktischen Ansatz handelt. Weder Luftakrobaten noch Turner spielen bei der BlickArtistik eine Rolle. Es geht nicht um Spaßmacher und auch nicht um sportliche Leistung. Warum aber passt das Wort Artistik trotzdem? Es passt, weil der Grat zwischen Gelingen und Absturz ganz schmal ist. Es passt, weil BlickArtistik riskiert und zwar das [Aus-] Lachen, das Miss- oder Nichtverstehen, das Scheitern. Artisten setzen sich aus und stehen zuweilen knapp vor dem Fall. Das Wort Artistik ist wie ein Stachel, wie Schmirgelpapier, an das man versehentlich stößt und die Haut verletzt. Manchmal.
„Schräge Perspektiven-Welten verflechten“, so lautet das Motto, auch als „schräge Welten-Perspektiven verflechten“ zu lesen. Und das Gesamtkonzept lautet „BlickArtist-Religion als Kunst“. „Religion als Kunst“ liegt als schmaler Schriftzug unter BlickArtist, unterstreicht, bietet die Linie, auf der sich BlickArtistik erhebt. Das Ist ist flexibel und ermöglicht auf Zeile mit den anderen Buchstaben gesetzt den Anschluss zur Gruppe der BlickArtisten, die keine feste Struktur hat, sondern ein bewegliches und fluides Gebilde darstellt. BlickArtist ist Blickkunst ist Religion als Kunst, wie gesagt, nicht auf einer Zeile.

Frage und Anliegen

Frage: Wie kann Anschluss gefunden werden an die Kommunikation zu Sinn- und Orientierungsfragen in der Gesellschaft? Und zwar unter Berücksichtigung dessen, dass das christliche Symbol- und Zeichensystem vielen Menschen fremd geworden ist.
Anliegen: Zugänge entwickeln, um biblische Texte, religiöse Symbole, Zeichen und Fragen neu zu verstehen und zur Darstellung zu bringen.

Zur Geschichte der BlickArtisten und BlickArtistik

Für die Entwicklung einer Präsentation zur Langen Nacht der Wissenschaften 2007 fand sich eine Gruppe von interessierten Studierenden zusammen. Einzelne waren bereits Mitwirkende bei „Rostocker Rektoren fallen aus dem Rahmen“ gewesen, andere kamen neu hinzu. Die Gruppe formierte sich später unter dem Namen BlickArtisten. Der Name wurde zu einer Art Dachbezeichnung für personell verschieden zusammengesetzte Formationen von Studierenden, die sich jeweils bezogen auf bestimmte Projekte bildeten. Im Laufe der Zeit kristallisierte sich eine Kerngruppe heraus, die auch stark konzeptionell am blickartistischen Konzept weiterdachte. Zu dieser Kerngruppe gehörten Benjamin Breutel, Susanne Clasen (vormals Schulze), Oliver Erckens, Katharina Gladisch (vormals Ehler), Gernot Knönagel, Luise Mäbert (vormals Stockmann), Kevin Nitschke, Stefan Schumacher.
Die Herausforderung lag darin, Anschlussstellen zu finden zwischen dem Nachdenken über Sinn- und Orientierungsfragen in der Gesellschaft und in der christlichen Religion. Anders gesagt: Es ging darum, verschiedene Welten spannungsvoll miteinander zu verflechten durch die Entwicklung schräger Perspektiven sowohl auf biblische Texte und das christliche Symbol- und Zeichensystem als auch auf zeitgenössische Erfahrungswelten überhaupt. Leitend waren in diesem Prozess Einsichten des religionspädagogischen Diskurses zu Wahrnehmung und Erfahrung.
Um Verständnis der theologischen Topoi wurde gerungen und damit verbunden um die Deutung des darin aufgehobenen Erfahrungsgehaltes. Gerungen wurde um eigenes Verstehen, um Elementarisierung, um Darstellungsformen, um das rechte Verhältnis von Diskurs und Poesie. Texte wurden geschrieben, diskutiert, modifiziert, Bühnenfiguren entwickelt. Fähigkeiten der Beteiligten wurden erkennbar, fanden ihre Form und ihren Ort zur Entfaltung. Das Ergebnis war ein „Gesamtkunstwerk“ in dem Sinne, dass die Gesamtheit der Beteiligten das Gesamte gemeinsam entwickelt hatte. Der diesen Prozess auszeichnende Zeitrahmen war überaus weit gefasst. Die Teilnahme geschah aus freien Stücken. Es gab keine „Scheine“. BlickArtistik entwickelte sich frei von studientechnischen Abrechnungsmodi. Das Ergebnis war ein „Gesamtkunstwerk“, weil die Bedeutung des Ästhetischen zunehmend Bedeutung gewann. Das Bildungsanliegen zeichnete die BlickArtisten von Beginn an aus und es schien insbesondere durch die ästhetischen Formen zur Geltung kommen zu können. Freisetzung der Gedanken und Gefühle der Rezipienten und Rezipientinnen war intendiert.
Das Profil der BlickArtisten fand seine Form im Prozess. Es entwickelte sich „etwas“, das im Verlauf der Zeit mehr und mehr Gestalt gewann. Als „Etwas“ brauchte es einen Namen. Auch dieser kristallisierte sich als Ergebnis eines gemeinsamen Such- und Diskussionsprozesses heraus. Das Profil dessen, was sich intuitiv entwickelt hatte, bekam auf diese Weise Kontur.

Es geht um die Art des Sehens

Es ging um die Art des Sehens. Es ging darum, dass bereits das Sehen Kunst sein kann. Es ging um die Art des Blicks, die etwas hervorruft und anstößt. Es ging um ästhetische Wahrnehmung und Erfahrung,  die Analogien zu religiöser Wahrnehmung und Erfahrung zeigt. In beiden Fällen kommt etwas Unfassbares, etwas nicht Definierbares und doch zugleich höchst Wirksames ins Spiel, und zwar dann, wenn man sich davon berühren lässt, davon getroffen oder gar erschüttert wird. Gefühle spielen dabei eine Rolle und Atmosphären. Verstehen und Nichtverstehen. Und der Unterschied? „Gott“ kommt mit ins Spiel. Was meint man, wenn man von „Gott“ spricht? Was meint man, wenn man von „Christus“ spricht oder von „Geist“? Definition hilft vielleicht passager. Sind das Passagenworte? Sind das Worte, die man durchqueren muss, um sie zu erkunden? Kreuz und quer kann man die Worte entfalten und so oder so lesen, sehen und hören. Was widerfährt einem dabei? Das waren Fragen, die sich die Gruppe stellte und in stundenlangen Gesprächen bewegte.
Wahrnehmen, Wahrnehmung anregen, Wahrnehmung durchqueren, Wahrnehmungsanschlüsse bieten, von diesen Anliegen sollte der Name zeugen. Religion als Kunst! Und dann sofort der kritische Einwurf: Wir sind doch keine Künstler! Theologie und Religionspädagogik ist unser Metier! Um das Verständnis von Kunst drehte sich nun das Gespräch und darum, dass das, was Kunst ist, sehr wohl strittig ist. Um einen engen und einen weiten Kunstbegriff ging es. Es ging um Wahrnehmung als schöpferischer Wahrnehmung, die Deutung in sich trägt, es ging um Ausdruck und Zuschreibung und darum, dass durch den Akt der Zuschreibung etwas, vielleicht gar alles zu „Kunst“ werden kann. Etwas wird Kunst durch den Akt der Distanzierung und das sich neu ins Verhältnis dazu Setzen. Etwas wird Kunst, weil es als Kunst zur Darstellung kommt und dadurch, dass es als Kunst rezipiert wird. Was Kunst ist, das ist strittig.
BlickArt-ist-Religion-als-Kunst bedeutet, Religion als etwas, das durch eine Zuschreibung als Kunst bezeichnet wird, zur Darstellung bringen. Das Dargestellte bietet die ästhetisch gebrochene Erfahrung der subjektiven Evidenzerfahrung eines Individuums oder einer Gruppe. Intendiert ist die Initiierung von Deutungsprozessen. Rezipientin und Rezipient werden als Wahrnehmungskünstlerin und –künstler angesprochen.
BlickArt-ist-Religion-als-Kunst intendiert nicht die Darstellung religiöser Kunst. BlickArt-ist-Religion-als-Kunst intendiert, durch die ästhetisch gebrochene Darstellung der Resonanzen auf biblische Texte sowie auf christliche Religion, die Entwicklung schräger Perspektiven auf Leben in seinem Facettenreichtum zu initiieren, Anschlussstellen zwischen verschiedenen Erfahrungswelten zu eröffnen sowie verschiedene Erfahrungswelten spannungsvoll miteinander zu verflechten.
Bildungsräume will BlickArtistik eröffnen. Reflexiv eingeholt wird der ästhetisch akzentuierte Zugang kontinuierlich. Die Reflexion ist vernunftgeleitet und die Vernunft, von der sie sich hier herleiten lässt, ist eine transversale, d.h. eine quer verlaufende Vernunft, die sich von rhizomatischen Denkbewegungen leiten lässt (Welsch 1996, 355-371). Sie stellt Verbindungen zwischen Verschiedenem her, das zusammengedacht werden kann, ohne seine jeweilige Besonderheit aufgeben zu müssen. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines phänomenologisch orientierten Zugangs, der sich in drei Wahrnehmungshaltungen (Schulz, 2006, 109-115) ausdifferenziert. Hin- und hergeschwungen wird zwischen diesen, um möglichst vielschichtig wahrnehmungsfähig zu werden. Was zeichnet die Haltungen aus? Wie kommt es zur „schrägen Perspektive“?

„Unmittelbar“, reflexiv, schräg

„Unmittelbar“ intendiert eine Haltung, die möglichst „unbefangen“ unter Einklammerung von Voreinstellungen und Vorurteilen wahrnimmt. Intendiert ist solch eine Haltung, doch sie einzunehmen, das ist unmöglich. Denn jede Wahrnehmung ist geleitet von Voreinstellungen, und Vorerfahrungen prägen die Sicht und blinde Flecken blenden von vornherein schon einmal dies oder jenes aus.
Die Haltung der unmittelbaren Wahrnehmung (1) ist zum Scheitern verurteilt. Doch der Versuch, diese Haltung einzunehmen, sensibilisiert für die Differenz zwischen Wollen und Können, sensibilisiert für die Grenzen der Unbefangenheit und zeigt das Befangensein. Die in Haltung 1 gewonnene Einsicht wird in Haltung 2 differenziert reflektiert. In Haltung 2 kann deren Spezifik vor dem Hintergrund sozialer, gesellschaftlicher, kultureller Kontexte in den Blick geraten. Es wird nach den Bedingungen gefragt, unter denen etwas so und nicht anders erscheint. Etwas zeigt sich von sich selbst her in vielfältiger Weise. Facettenreich, in Abschattungen. Jede Abschattung hat ihr Recht, wenn sie dem, was sich von sich selbst her zeigt, Gerechtigkeit widerfahren lässt. Es gibt nicht nur die eine Perspektive, die auf etwas gerichtet wird und es gibt nicht nur die eine Perspektive, aus der sich etwas von sich selbst her zeigen kann.
In der als schräg bezeichneten Wahrnehmungshaltung (3) gilt es neue oder gar neuartige Wahrnehmungsperspektiven zu entwickeln. Dazu bedarf es eines Sprungs aus den Fesseln der bisherigen Wahrnehmungsmöglichkeiten heraus. Der Sprung braucht Anstöße. Assoziationen beispielsweise dienen dazu. Über Assoziationen geraten Momente der Wirklichkeitswahrnehmung und -erfahrung ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die zuvor verborgen oder an den Rand gedrängt wurden, weil sie unerwünscht waren oder als unpassend empfunden wurden. Durch sie fällt im besten Fall ein neuer, überraschender Blick auf das vermeintlich Bekannte und Vertraute. Assoziationen haben etwas Zufälliges. Zu fallen sie einem im wahrsten Sinne des Wortes  und beleben Denken und Fühlen (Welsch 2012, 268-291).

Kontexte

Das, was mit der Bezeichnung Blickartistik einen Namen gefunden hatte, fand und findet nicht nur in Projektgruppen zur Vorbereitung von Performances statt. Blickartistische Perspektiven zeigen sich auch jenseits von Performances, die auf der Bühne stattfinden. Beispielsweise in Textgestalten (Schulz/Malter 2010; Breutel/Schulz 2014), in Unterrichtsprozessen (z.B. an der Hochschule), beim Kennenlernen und Verstehen von Lebensbereichen und Erfahrungskontexten (z.B. FaltenRiss).
Bei der Entwicklung von Performances hat sich inzwischen eine  zeit- und ressourcensensible Variante der Präsentationsvorbereitung bewährt, bei der Akteurinnen und Akteure die von einer kleinen Gruppe bereits vorbereitete Präsentation auf die Bühne bringen. In diesem Fall wir nur einem Teil der Beteiligten der theologische, ästhetische und didaktische Kompetenzgewinn durch die Entwicklungsarbeit komplett zuteil. Gleichzeitig ist die Vorbereitung und Durchführung dadurch offen für Menschen mit unterschiedlichen Belastungen.

Literatur

Benjamin Breutel/Petra Schulz, Gefällt mir! Oder auch nicht. Grenzgänge zwischen Facebook und Religion, Jena 2014
Petra Schulz, Sich etwas von sich selbst her zeigen lassen. Ein Beitrag zur didaktischen Theorie phänomenologisch orientierter Religionspädagogik, Münster 2006, 109-115;
Petra Schulz/Rebekka Malter, Exzentrisch werden. Verrückt in der Bibel und anderswo. Didaktik und Praxisvorschläge, Jena 2010
Wolfgang Welsch, Kreativität durch Zufall. Das Vorbild der Evolution und einige künstlerische Parallelen, in: Ders., Blickwechsel. Neue Wege der Ästhetik, Stuttgart 2012, 252-291
Wolfgang Welsch, Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt/M. 1996, 355-371