Ein Wort zur Semestereröffnung

„Furcht ist nicht in der Liebe,
sondern die vollkommene Liebe
treibt die Furcht aus!“

         1. Joh 4,17f.

 

Lockdown – alles runtergefahren.
Die Universität geschlossen.
Die Lehrveranstaltungen ins Internet verlegt.

Dieses Semester beginnt so ganz anders als gewohnt. Es gibt keine feierliche Eröffnung, keine erste Seminarsitzung, der Lehrende wie Studierende erwartungsvoll oder skeptisch (je nachdem) entgegensehen. Die Routinen und Freuden des Anfangs sind perdu. Unsicherheit macht sich breit. Bei manchen Lehrenden regt sich vielleicht die Frage: „Werde ich die Umstellung auf die digitale Lehre hinbekommen?“ Und Studierende sorgen sich womöglich um die – ggf. bafögrelevante – Anerkennung ihrer Studienleistungen: „Das Null-Semester scheint zwar zum Glück abgewendet, aber für meine im März ausgefallene Prüfung gibt es noch immer keinen Ersatztermin“, lese ich eine Nachricht auf meinem Handy.

In Coronazeiten ist vieles anders als gewohnt – nicht nur in Studium, Forschung und Lehre. Die Krise wirkt sich massiv auf das Alltagsleben aus, sie rückt Fragen in den Vordergrund, die ich mir sonst so nicht gestellt hätte, sie ruckelt an vermeintlich festgefügten Gewissheiten und „transzendiert“ die Lebens- und Erfahrungswelt, indem sie daran erinnert, wie fragil das Dasein ist, ebenso wie das gesellschaftliche Gefüge, in dem ich existiere: „Mein Leben ist immer in Gefahr“ (Ps 119,109)

Gleichwohl habe ich keine Angst. Sorgen mache ich mir schon. Vor allem um die, die mir nahe stehen: Um meine Eltern, die alt sind und darum besonders gefährdet. Um die Zukunft meiner Kinder, die unter anderen Bedingungen lernen, studieren und arbeiten werden als bislang gedacht. Um die Menschen in den Ländern des Globalen Südens, die von der Pandemie und ihren ökonomischen Folgen weit schlimmer betroffen sein werden als wir.

Aber ich habe keine Angst. Wenn ich auch manchmal wie gelähmt bin, weil ich ahne, dass die Unbequemlichkeiten, denen wir jetzt unterliegen, nur die vergleichsweise leichtfüßigen Vorboten weitaus einschneidender Veränderungen sind. Angesichts dieser lähmenden Empfindung, die mich von Zeit zu Zeit befällt, scheint es mir freilich gut und richtig, nicht gleich wieder in Aktionismus zu verfallen, sondern die Handlungshemmung auszuhalten und … zu pausieren, innezuhalten, um wahrzunehmen, was mich (wie immer, so auch und gerade jetzt) hält und trägt – und keine Angst haben lässt.

„Mein Leben ist immer in Gefahr“ – die für das Glück meines Lebens notwendigen Bedingungen habe ich nicht in der Hand. Schlechthin abhängig vielmehr bin ich von ihr, die mich ins Dasein rief und mich gegen alle Lebensohnmachtsgefühle mit ihr selbst zu wappnen beschloss: „Furcht ist nicht in der Liebe!“

Um, was mich lähmt, nicht verdrängen, nicht wegagieren zu müssen, versuche ich mich den Sorgen und Zukunftsängsten zu stellen: So wie die Liebe – die Gott ist (1 Joh 4,16) – sich der Welt und ihrer Angst stellt, jeden Tag. „Liebe“, das ist zunächst und zuallererst die Liebe zum Leben in jeder Erscheinungsform. Gott (die Liebe) will, dass etwas ist, da ist und „lebt“! Darum – das glauben wir – darum gibt es die Welt ja überhaupt.

„Liebe“, das ist sodann die Liebe zu mir und zum/zur Nächsten. Diese Liebe, wir wissen und erfahren es tagtäglich, macht ungeheuer stark und mächtig. Sie überwindet alles … auch alle Angst. Ins Bild gesetzt ist diese Liebe in zahllosen Kreuzigungsdarstellungen oder in den vielfältigen „Geschichten von Nöten, Legenden, Schicksalen und Tod, die diese Welt einen“ (Herbert Grönemeyer, Stück vom Himmel). Sie, diese Liebe, wird uns auch durch die Krise helfen, weil wir mit ihr von uns absehen und uns um die kümmern können, die uns brauchen.

„Liebe“, das ist schließlich die Liebe, die alle umfängt.  Unser Horizont weitet sich und wir sehen nicht nur unsere Not, sondern auch die in der weiten Welt. In der Liebe teilen wir unsere Hoffnung und unsere Mittel – setzen uns ein für die, die keine Stimme haben, für die Geflüchteten und die Traumatisierten.

Die vollkommene Liebe, also die Liebe in diesen drei Dimensionen gelebt, treibt die Furcht aus, kehrt sie aus meinem Seelenhaus heraus. Denn Sorge und Zukunftsangst verschwinden wohl nicht einfach, aber sie kommen nicht (mehr) weiter als bis zur Schwelle dieses Hauses – darüber auf keinen Fall!

Allen Mitarbeitenden, allen Studierenden und allen Lehrenden der Theologischen Fakultät sowie allen Angehörigen der Universität Rostock wünsche ich von Herzen einen guten Start in das neue Semester.

 

Martin Kumlehn, Universitätsprediger

 

 

Spendenaufrufe

Der Rektor hat ein Spendenkonto für in Coronazeiten bedürftige Studierende eingerichtet: https://www.uni-rostock.de/universitaet/kommunikation-und-aktuelles/medieninformationen/detailansicht/n/spendenaufruf-unterstuetzen-sie-studierende-in-finanzieller-not-63503/

Als Pastor der Ev. Studierendengemeinde (ESG Rostock) bitte ich um Spenden für internationale Studierende. Sie haben keinerlei Zugang zu staatlichen Hilfen (kein BAföG, Wohngeld, keine Unterstützung vom Jobcenter o.ä. - das unterscheidet ihre Situation i.d.R. von derjenigen der inländischen Studierenden, die natürlich von der Krise auch stark betroffen sind, gerade was die Erwerbsmöglichkeiten angeht). Ebenso können internationale Studierende gegenwärtig  von ihren Familien finanziell nun meist nicht mehr unterstützt werden, da in den Herkunftsländern sich die Krise wie bei uns negativ auf den Arbeitsmarkt auswirkt, Stipendien und Kredite sind für sie kaum bis gar nicht erreichbar.

Darum bitte ich Sie und Euch hiermit ganz herzlich darum, diesen Rostocker Studierenden im Rahmen Ihrer/Eurer Möglichkeiten zu helfen! Jede Hilfe ist willkommen und wird gebraucht!

Wir haben dazu ein Spendenkonto mit folgender Bankverbindung eingerichtet:

Ev. Kirche in Norddeutschland, HB 2
Evangelische Bank
IBAN DE64 5206 0410 5606 5650 00
BIC GENODEF1EK1
Verwendungszweck: ESG Rostock, Internationale Studierende, Kostenstelle
550 912 10

Spendenbescheinigungen werden bei Bedarf gerne ausgestellt, dafür bitte bei mir Bescheid geben und Adresse angeben: ev.stud-gemeinde@uni-rostock.de.

HERZLICHEN DANK